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10.05.2017
Von: Florian Stahl

Ein Führerschein der besonderen Art

HUSUM. Einen Führerschein haben die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse an der Rungholtschule Husum seit dem 4. Mai. Keinen zum Auto fahren, sondern einen, um sicher durch das Leben zu steuern. In vier „Fahrstunden“ haben sie gelernt, ihre eigenen Eigenschaften und die der anderen zu erkennen.


Freude über den Führerschein

Zum Abschluss bekamen alle ihren Führerschein. Von links: Jannes, Dana, Kilian, Angelina, Leon und Tobias. Dazwischen Jens Westensee (Nordkirche), Susanne Kunsmann (EKJB), Teresa Kitter und Nicole Rickertsen (beide Rungholtschule). Bild: Florian Stahl

Mit dem Wissen lässt sich eine wichtige Fragekette beantworten: „Was können wir, was kannst du und was kann ich?“ Und wie lassen sich die Fähigkeiten und Vorlieben zu einer Gemeinschaft kombinieren? Wer erst einmal das Talent besitzt, diese Fragen beantworten zu können, wird selbstbewusst und sicher durch viele Lebensphasen steuern können.

Die Fahrstunden hatten an vier aufeinanderfolgenden Schultagen stattgefunden und endeten mit einem gemeinsamen Frühstück im Lehrerzimmer. Auch die Eltern waren eingeladen. Bis dahin standen insgesamt sechs Stunden Selbsterkenntnis und Verortung in der Gemeinschaft im Mittelpunkt. Und was nach einem teuren Coaching oder einer tiefenpsychologischen Diskussion klingt, kann ganz einfach vermittelt werden: nahezu spielerisch.

Am Anfang jeder Fahrstunde suchten sich die Jugendlichen aus Karten mit aufgedruckten Monstern diejenigen aus, die ihre aktuelle Stimmung am besten spiegelten. Am ersten Tag schrieben sie Steckbriefe über sich selbst, die sie sich an den folgenden Tagen wieder gegenseitig zuordnen sollten. In einer anderen Stunde malten sie miteinander die Umrisse ihrer Hände ab und schrieben die individuellen Vorlieben daneben. Dana mag gerne Schwimmen während sich Kilian mehr für Puzzle interessiert. Leon spielt Basketball und Angelina Volleyball. Jannes hat eine Vorliebe für Rechnen und Schreiben, Tobias hingegen ist musikalisch. Und Nicole, die Lehrerin? Mag gerne Fahrrad Fahren. Aus der Übung ließen sich aber auch Gemeinsamkeiten ableiten. So haben etwa alle ein Herz, oder auch Zähne - aber nicht alle mögen am liebsten Pommes essen.

Die letzte Übung lief unter dem Motto „Du – wir – ich“. Die Jugendliche fassten nochmals zusammen, wer mit ihnen durchs Leben fährt: Familie, Freunde, Hund und Meerschweinchen.

Was zunächst banal klingt, ist ein wichtiger Erkenntnisgewinn. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ein Orientierungsmuster gelernt, dass sie auch in anderen Lebensphasen anwenden können. Wenn die Jugendlichen nach der Schule in eine Werkstatt gehen oder in Wohngemeinschaft umziehen, können sie sich sicherer fühlen und sich einfacher orientieren.

Die beiden Leiter der „Fahrschule“, Susanne Kunsmann vom Evangelischen Kinder- und Jugendbüro Nordfriesland und Jens Westensee vom Arbeitsbereich Schulkooperative Arbeit in der Nordkirche, wollen Jugendlichen mit diesem Projekt ethische Orientierung anbieten. Und sie betonten beide in ihren Abschlussreden, wie sehr sich über die Mitarbeit der Klasse gefreut hatten. Jens Westensee: „Wie schnell und freundlich wir begrüßt wurden, war sehr herzlich Vielen Dank.“

Und auch die Klassenlehrerinnen Teresa Kitter und Nicole Rickertsen dankten ihrerseits. Teresa Kitter bemerkte auch „dass die Kinder mutiger als im regulären Unterricht mitgemacht haben“.

Das Projekt hatte damit zum zweiten Mal an der Rungholtschule stattgefunden, einem Förderzentrum für Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen. Denn auch hier sind die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich den typischen Verwerfungen des Erwachsen-Werdens ausgesetzt. Susanne Kunsmann überlegt, im nächsten oder folgenden Jahr die „Fahrstunden“ schulübergreifend anzubieten.  „Sechs von der einen Schule und sechs von der anderen, das wäre dann wirklich Inklusion.“ Denn auch an regulären Schulen bietet die Nordkirche ähnliche Führerscheinkurse an.